Digitale Dollar, reale Leben: warum Stablecoins Millionen Menschen erstmals Zugang zum Finanzsystem ermöglichen

Authorin Melina Scheuber

Melina Scheuber ist zertifizierte und unabhängige Finanzexpertin mit über 20 Jahren Praxiserfahrung in der Schweiz. Ihre Mission ist es, Frauen und Familien dabei zu unterstützen, ihr Vermögen gezielt aufzubauen und langfristig zu schützen. Denn finanzielle Sicherheit schafft die Grundlage für das, was im Leben wirklich zählt: Zeit mit den Liebsten und die Freiheit, eigene Träume zu verwirklichen.

Was blockchainbasierte digitale Dollar mit finanzieller Inklusion zu tun haben – und weshalb dieses Thema für die Finanzbranche immer relevanter wird.

Wenn in der Schweiz über Kryptowährungen gesprochen wird, geht es meist um Bitcoin, Kursgewinne oder Spekulation. Während des Lehrgangs Certified Crypto Finance Expert (CCFE) in Zürich hat mich jedoch ein ganz anderes Thema beschäftigt.

Nicht die Frage, wie man mit Kryptowährungen Geld verdient. Sondern wie Millionen Menschen dank Stablecoins überhaupt erstmals Zugang zu einem funktionierenden Finanzsystem erhalten.

Denn während wir in der Schweiz jederzeit ein Bankkonto eröffnen, Geld innert Sekunden überweisen oder unser Vermögen in einer stabilen Währung halten können, ist genau das für einen grossen Teil der Weltbevölkerung alles andere als selbstverständlich.

Wenn Sparen zum Wettlauf gegen die Inflation wird

Fernab der Handelsbildschirme von London oder Zürich vollzieht sich derzeit eine stille Revolution. In Städten wie Lagos, Buenos Aires oder Istanbul haben Millionen Menschen eine pragmatische Entscheidung getroffen: Statt ihre Ersparnisse in einer Landeswährung zu halten, die laufend an Kaufkraft verliert, sparen sie in digitalen US-Dollar – sogenannten Stablecoins.

Nicht, weil sie spekulieren möchten.

Sondern weil diese für sie oft die sicherste Möglichkeit darstellen, den Wert ihres Ersparten zu erhalten.

Genau diese Perspektive hat meinen Blick auf digitale Vermögenswerte verändert. Während Kryptowährungen in Europa häufig mit hohen Kursschwankungen oder schnellen Gewinnen in Verbindung gebracht werden, erfüllen sie in vielen Schwellenländern eine völlig andere Funktion.

Dort geht es nicht um Rendite.

Es geht darum, das Erarbeitete nicht zu verlieren.

Was Stablecoins eigentlich sind

Vereinfacht gesagt ist ein Stablecoin nichts anderes als ein digitaler Dollar oder digitaler Franken auf einer Blockchain.

Im Gegensatz zu Bitcoin schwankt sein Wert kaum, weil er an eine bestehende Währung – meist den US-Dollar – gekoppelt ist. Stablecoins eignen sich deshalb weniger als Spekulationsobjekt, sondern vielmehr als digitales Zahlungsmittel oder als Möglichkeit, Vermögen in einer stabilen Währung aufzubewahren.

Während Bitcoin heute zunehmend als digitales Wertaufbewahrungsmittel betrachtet wird, übernehmen Stablecoins eine ganz andere Aufgabe: Sie verbinden die Stabilität klassischer Währungen mit den Vorteilen der Blockchain-Technologie.

Mehr als eine Milliarde Menschen haben keinen gleichwertigen Zugang zum Finanzsystem

Aus Schweizer Sicht unterschätzen wir häufig, wie privilegiert unser Finanzsystem ist.

Weltweit gelten laut dem World Economic Forum über eine Milliarde Menschen als unterversorgt oder ganz vom traditionellen Bankensystem ausgeschlossen. Gründe dafür gibt es viele: fehlende Bankfilialen, hohe Kontogebühren, fehlende Identifikationsdokumente oder schlicht eine Währung, der die Bevölkerung nicht mehr vertraut.

Besonders deutlich zeigt sich dies in Ländern mit hoher Inflation.

Die nigerianische Naira verlor zwischen Mitte 2023 und Anfang 2025 rund 70 Prozent ihres Wertes gegenüber dem US-Dollar. Der argentinische Peso verlor in den vergangenen Jahren ebenfalls einen grossen Teil seiner Kaufkraft, während die Inflation zeitweise über 200 Prozent lag. Auch die Türkei kämpft seit Jahren mit einer anhaltenden Währungsabwertung.

Für viele Familien bedeutet Finanzplanung deshalb nicht, die optimale Anlagestrategie zu finden, sondern überhaupt eine Möglichkeit zu haben, Kaufkraft zu erhalten.

Geld in Sekunden statt in Tagen

Ein weiteres Problem betrifft grenzüberschreitende Überweisungen.

Millionen Menschen arbeiten im Ausland und unterstützen ihre Familien in der Heimat. Über klassische Überweisungssysteme fallen dafür oft Gebühren von rund sechs Prozent an. Je nach Land entspricht das dem Gegenwert von mehreren warmen Mahlzeiten. Gleichzeitig dauert es häufig mehrere Tage, bis das Geld beim Empfänger ankommt.

Stablecoins lösen genau dieses Problem.

Innerhalb weniger Sekunden kann Geld rund um die Uhr nahezu weltweit übertragen werden – unabhängig von Banköffnungszeiten oder Landesgrenzen.

Für viele Menschen ist dies kein technischer Fortschritt.

Es bedeutet schlicht, dass mehr vom hart verdienten Einkommen tatsächlich bei der eigenen Familie ankommt.

Der eigentliche Treiber ist nicht Spekulation, sondern Notwendigkeit

Genau deshalb verbreiten sich Stablecoins in vielen Schwellenländern wesentlich schneller als in Europa.

Eine Analyse des Goldman Sachs Global Institute schätzt, dass rund zwei Drittel aller weltweit gehaltenen Stablecoins inzwischen Privatpersonen und Unternehmen in Schwellenländern gehören. Dort werden sie nicht primär für Investitionen genutzt, sondern zum Sparen, Bezahlen oder für internationale Überweisungen.

Auch in Ländern wie Nigeria oder Mexiko werden mittlerweile Milliardenbeträge über Stablecoins abgewickelt.

Die exakten Zahlen unterscheiden sich je nach Datenquelle. Die Entwicklung zeigt jedoch in dieselbe Richtung:

Stablecoins werden dort eingesetzt, wo das traditionelle Finanzsystem seine Aufgabe nur eingeschränkt erfüllt.

Für viele Menschen stellen Kryptowährungen deshalb nicht Spekulation dar, sondern Hoffnung auf mehr finanzielle Stabilität und Teilhabe. Genau dieser Gedanke wurde im Lehrgang mehrfach hervorgehoben und hat mich besonders zum Nachdenken angeregt.

Nicht jede Entwicklung ist nur positiv

Natürlich wäre es falsch, diese Entwicklung ausschliesslich als Erfolgsgeschichte zu erzählen.

Stablecoins bringen auch Herausforderungen mit sich, so wie wir diese aus dem traditionellen Banking kennen.

Sie können für Geldwäscherei oder andere illegale Aktivitäten missbraucht werden. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass eine zunehmende Nutzung digitaler Dollar lokale Währungen zusätzlich unter Druck setzt und Zentralbanken einen Teil ihres geldpolitischen Einflusses verlieren.

Mit der europäischen MiCA-Verordnung oder dem US-amerikanischen GENIUS Act wurden in den vergangenen Monaten wichtige Grundlagen geschaffen. Andere Länder stehen regulatorisch dagegen noch am Anfang.

Ein grosser Vorteil hat die Blockchain gegenüber dem traditionellen Finanzsystem: Transparenz – jede Transaktion lässt sich lückenlos nachvollziehen.

Die eigentliche Innovation ist die Blockchain

Eine weitere Erkenntnis aus dem Lehrgang war für mich, dass wir Kryptowährungen häufig mit der eigentlichen Innovation verwechseln.

Der langfristige Mehrwert liegt aus meiner Sicht weniger in einzelnen Coins als vielmehr in der zugrunde liegenden Blockchain-Technologie.

Sie ermöglicht neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Banken, Unternehmen und Kundinnen und Kunden. Digitale Vermögenswerte, Smart Contracts, Tokenisierung oder Stablecoins sind letztlich verschiedene Anwendungsgebiete derselben technologischen Grundlage.

Noch stehen viele Anwendungen am Anfang. So braucht es beispielsweise bei der Tokenisierung von Immobilien oder anderen Vermögenswerten oft auch ausserhalb der Blockchain digitale Prozesse, damit das volle Potenzial ausgeschöpft werden kann. Trotzdem entstehen bereits heute neue Geschäftsmodelle, die ohne diese Technologie nicht möglich wären.

Warum dieses Wissen für Finanzberater immer wichtiger wird

Was auf den ersten Blick wie ein Problem ferner Schwellenländer erscheint, betrifft letztlich auch die Schweiz.

Durch die Blockchain entstehen heute Anwendungen, welche das internationale Finanzsystem in den kommenden Jahren nachhaltig verändern könnten.

Wer beispielsweise versteht, weshalb Menschen Stablecoins nicht zum Spekulieren, sondern zum Sparen, Bezahlen oder für Auslandsüberweisungen nutzen, versteht auch, weshalb sich heute praktisch jede grössere Bank und jeder Vermögensverwalter intensiv mit Blockchain-Technologie beschäftigt.

Während des CCFE-Lehrgangs wurde deutlich, wie breit dieses Themengebiet inzwischen geworden ist. Es reicht längst nicht mehr, Bitcoin oder Ethereum zu kennen. Wer Kundinnen und Kunden kompetent beraten möchte, benötigt auch ein Verständnis für Geldpolitik, Regulierung, Verwahrung, Compliance, Tokenisierung und die technologischen Grundlagen.

Gerade in der unabhängigen Finanzberatung bin ich überzeugt, dass wir Entwicklungen zuerst verstehen sollten, bevor wir sie bewerten. Nur so können wir Chancen und Risiken objektiv einordnen und unsere Kundinnen und Kunden fundiert begleiten.

Mein Fazit

Nicht jede Kryptowährung wird langfristig bestehen, und längst nicht jede Anwendung wird sich durchsetzen. Doch das Potenzial der Blockchain-Technologie ist aus meiner Sicht zu bedeutend, um es zu ignorieren.

Die Geschichte der Stablecoins zeigt eindrücklich, dass Blockchain längst nicht mehr nur ein Nischenthema für Technikbegeisterte oder Investoren ist. Für Millionen Menschen weltweit bedeutet sie erstmals Zugang zu einem stabileren Finanzsystem. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt des Potenzials, das in dieser Technologie steckt.Genau deshalb lohnt es sich für Banken, Vermögensverwalter und Finanzberater, sich fundiert mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Nicht, weil jede Kundin morgen Bitcoin kaufen sollte. Sondern weil digitale Vermögenswerte zunehmend Teil unseres Finanzsystems werden – und wir unsere Kundinnen und Kunden kompetent begleiten sollten.

Du willst tiefer einsteigen? Im CCFE Lehrgang lernst du die Grundlagen und Hintergründe zu Krypto und Blockchain
direkt von Praxisexperten.

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Quellen

1. World Economic Forum, „How stablecoins can flatten and expand financial access“, Januar 2026. weforum.org/stories/2026/01/how-stablecoins-can-expand-financial-access

2. World Economic Forum, „Stablecoins: how interoperability will define global finance“, Januar 2026. weforum.org/stories/2026/01/stablecoins-bridge-not-a-threat-why-interoperability-will-define-future-global-finance

3. Goldman Sachs Global Institute, „Stablecoins and Emerging Markets“, 4. Februar 2026. goldmansachs.com/what-we-do/goldman-sachs-global-institute/articles/stablecoins-and-emerging-markets

4. Chainlink, „Stablecoins in Emerging Markets: Utility, Infrastructure, and Adoption“, 11. Februar 2026. chain.link/article/stablecoins-emerging-markets

5. Spark, „Stablecoins in Emerging Markets: From Necessity Adoption to Financial Infrastructure“, Juni 2026. spark.money/research/stablecoin-emerging-market-adoption

6. Tazapay, „Stablecoins in Emerging Markets: The Cross-Border Payments Playbook for 2026“, April 2026. tazapay.com/guides/stablecoins-cross-border-payments-emerging-markets

7. World Bank, Remittance Prices Worldwide, Ausgabe 54 (September 2025). remittanceprices.worldbank.org

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